Revolutionäre
Bewegungen haben sich schon immer für die Erziehung begeistert. Wer den neuen Menschen schaffen will, muss früh anfangen. Einige der wichtigsten Schriften Jean Jacques Rousseaus, „Emile oder die
Erziehung“, beschäftigt sich ausschließlich mit der Pädagogik. Über die Ausbildung zu bestimmen bedeutet, die Zukunft einer Gesellschaft in Händen zu halten.
Überall auf der Welt kopierte man das deutsche System, mit dem kindergarten als Einstieg und dem Gymnasium als Kernstück. Die großen amerikanischen Universitäten, auf die heute alle mit großen Augen sehen, haben sich am Bildungsideal Wilhelm von Humboldts ausgerichtet, des preußischen Offizierssohns und Universalgenies, der im kriegsversehrten Berlin des Jahres 1809 die Leitung der „Sektion des Kultus und öffentlichen Unterrichts“ übernahm und in rascher Folge das durchgängige Schuljahr einführte, den Stundenplan und das Abitur.
Leider ist es Deutschland heute so, dass das Bildungsniveau sich auf einer stetigen Talfahrt befindet. Selbst nach neun Schuljahren können 25% der Kinder in Deutschland nicht ausreichend rechnen, lesen und schreiben. Jeder vierte Jugendliche verfügt trotz Schulabschluss nicht über die nötigen Vorraussetzungen für eine Berufsausbildung. Im Jahr 2008 verließen rund 8000 Schüler die Schulen ohne einen Schulabschluss. In kaum einem anderen westlichen Land ist der Unterschied zwischen denen, die viel können, und denen die so gut wie nichts können, vergleichbar groß. In keinem anderen europäischen Land kommt es für die Schulleistung so sehr darauf an, aus welchem Elternhaus einer stammt. Daran haben alle auf die Chancengleichheit ausgerichteten Bildungsreformen nichts geändert, am Ende haben sie die soziale Ungleichheit sogar verstärkt.
Im Fazit kommt natürlich immer das zu wenig Geld in die Bildung investiert wird und ein Lehrermangel grundsätzlich besteht. Aber bleiben wir zunächst mal einen Augenblick beim Geld. Jede Woche würden rund eine Millionen Schulstunden ausfallen und eine wäre eine Lücke von 20.000 Lehrern zu stopfen. Die GEW verlangt sogar, dass die Bildungsausgaben um 30 Milliarden Euro zu erhöhen. Niemand stellt sich aber die Frage, was eigentlich besser werden soll, wenn man mehr Geld in ein System pumpt, das nicht einmal dafür sorgen kann, dass alle Schüler nach einem Schuljahr klüger und nicht dümmer geworden sind, wie 2006 die Auswertung einer Pisa Befragung ergab: Bei 40% der Schüler konnten sich nach einem Schuljahr Mathematikunterricht „keine Leistungsfortschritte erkennen lassen“, bei acht Prozent waren sogar „deutliche Leistungsabnahmen“ zu verzeichnen, die Studie nannte diesen Befund zu Recht „dramatisches Ergebnis“.
Nimmt man alles zusammen, dann liegt Deutschland bei den Bildungsausgaben gemessen am Sozialprodukt etwa auf gleicher Höhe mit Finnland, dem Pisa Sieger. Umgerechnet auf die Ausgaben pro Schüler zeigt sich, dass Deutschland sogar in der Spitzengruppe dabei ist. Rund 7000 Euro kommen hier auf einen Lernenden, 300 Euro mehr als im Länderschnitt, das bestätigt selbst die OECD.
Wenn aber in Deutschland auch nicht der Lehrermangel der Grund für das schlechte Abschneiden ist, was dann? Warum produziert das deutsche Bildungswesen so
schlechte Resultate? Jürgen Baumert vom Max Planck Institut für Bildungsforschung sagt es ganz einfach und deutlich: “Die Deutschen haben die falschen Diskussionen geführt. Sie haben Glaubenskriege über richtige Schulform geführt, statt sich darum zu kümmern, wie man Kinder klüger
macht“.
Das nächstliegende ist der Unterricht, und tatsächlich werden hier die Weichen gestellt, ob einer was lernt oder nicht. Den größten messbaren Einfluss auf die Schulleistung hat der Lehrer, da sind sich alle Bildungsforscher einig. 668.000 Lehrer gibt es in Deutschland, verteilt auf 36.305 Schulen. Ein guter Lehrer ist ein großes Glück; Eltern und Kinder erkennen das sofort, wenn sie einen vor sich haben. Nur für das deutsche Dienstrecht sind alle Lehrer gleich. Es unterscheidet nicht von denen die sich voll reinhängen, und denjenigen, die überfordert sind oder einfach nur faul. Schlechter Unterricht ist kein Dienstvergehen, solange die Lehrpläne eingehalten werden. Wenn die Kinder nichts kapiert haben, sind sie selber schuld, nicht der Lehrer.
Deutsche Lehrer sind Experten auf ihrem Fachgebiet, das ist nicht das Problem. Sie wissen alles über die Wurzel aus Pi und das Neuronenwachstum bei Heuschrecken. Aber sie haben keine praktische Erfahrung in Didaktik, Lernpsychologie oder die Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache.
Unglücklicherweise verzichtet man in Deutschland aber darauf, die Lehramtsbewerber daraufhin anzusehen, ob sie nicht nur den Lehrstoff bewältigen, sondern auch einigermaßen stressresistent sind. Anders als in den Pisa Erfolgsländern Kanada oder Finnland, wo vor dem Zugang zum Lehrstudium ein Eignungstest steht, kann sich hierzulande jeder einschreiben. Wer nach neun Semestern Studium erstmals vor einer Klasse tritt und dann feststellt, dass er es nicht packt, hat keine wirklichen Alternativen mehr. Was soll er tun? Umschulen? Taxi fahren? Also wird er die Zähne zusammenbeißen und versuchen, irgendwie zu überleben, solange er noch keine feste Stelle hat.
Unserer Meinung und Ansicht nach, setzen alle wirklichen Reformen des Bildungssystems deshalb beim Dienstrecht an. es fängt damit an, dass der Schulleiter und nicht mehr die Schulaufsichtsbehörde über Neueinstellungen entscheidet. Bislang werden Lehrer von oben zugewiesen, der Schulrat und nicht der Schulleiter ist an den meisten Schulen der direkte Dienstvorgesetzte. Natürlich kann der Schulleiter in Zukunft dann auch Kollegen entlassen, im Rahmen des normalen Kündigungsrecht. Faulheit und Unvermögen hätten erstmals Konsequenzen für die Karriere- so wie in jedem normalen Betrieb.
Alle Ergebnisse einer Schule wären im Internet nachzulesen: wie sie bei Vergleichsarbeiten abgeschnitten hat, wie viele Schüler mit welchem Abschluss die Schule verlassen haben. So könnten Eltern ein ziemlich präzises Bild machen, was eine Schule taugt. Seit Pisa werden an deutschen Schulen alle möglichen Leistungstests gemacht, die Ergebnisse gibt es aber nur in anonymisierter Form, nicht einmal der Minister weiß, wo ein Lehrerkollegium Besonderes vollbringt. Die Veröffentlichung der Testergebnisse würde aber auch für Transparenz innerhalb der Schulen sorgen: Plötzlich wäre sichtbar, wer seinen Schülern etwas beigebracht hat und wer nicht. Man könnte ja mal beim Kollegen fragen, wie er es hinbekommt, dass seine Schüler mit Spaß bei der Sache sind.
Am Ende des Umbaus steht in der Prognos Studie eine weitgehende Autonomie der einzelnen Bildungseinrichtung. Was die
Schüler erreichen müssen, ist genau festgelegt, dafür gibt es Bildungsstandards und zentrale Prüfungen. Wie die Schule die Lernenden zum Ziel führt, ist ihr überlassen. Versagt sie bei ihrem
Auftrag, wissen darüber alle Bescheid; die Eltern werden ihre Kinder von der Schule nehmen oder gar nicht erst anmelden, mit der Folge, dass sie irgendwann schließen muss. Wenn heute eine Schule
geschlossen werden, dann wegen Baufälligkeit, nicht wegen mangelnder Leistung.
Ausgerechnet die Pisa Studien haben der Diskussionen über die Einheitsschule neuen Auftrieb verliehen. Die meisten skandinavischen Länder, die durchschnittlich gut abgeschnitten, haben wegen der geringen Bevölkerungsdichte eine Schule für alle. Daraus haben die Gesamtschulanhänger die Schlussfolgerung gezogen, das man dieses Modell nur endlich flächendeckend auf Deutschland zu übertragen bräuchte, um die Bildungsmisere zu beenden. Die Grundidee der Einheitsschule ist, vereinfacht gesagt, dass nicht weitgehende Homogenität der Begabungen innerhalb einer Klasse den allgemeinen Lernerfolg zuträglich ist, sondern vielmehr das Gegenteil: Heterogenität. Dahinter steht die Vorstellung, dass sich die Schüler gegenseitig stützen, dass die Leistungsstarken die Leistungsschwachen mitziehen, indem sie ihnen Vorbild und Ansporn sind. Es ist eine schöne Idee… Aber das Fazit über Gesamtschulen ist heute: Starke Überzeugungen, schwache Daten! Wo lernschwache Schüler zusammen mit leistungsstarken unterrichtet werden, drückt dies auf das Selbstwertgefühl der weniger Begabten. Sie kapseln sich ab und fallen in der Leistung zurück. Der Volksmund nennt dieses auch „kleiner Fisch im großen Teich“.
Es kommt darauf an, was man sinnvollerweiser unter Chancengerechtigkeit versteht. Wenn damit gleiches Recht auf die Entfaltung unterschiedlicher Talente gemeint ist, dann ist die Herausbildung von Eliten unvermeidlich. Tatsächlich gehört es zu den scheinbaren Paradoxien des Bildungswesens, dass eine verstandene Chancengerechtigkeit das Leistungsvermögen noch deutlicher hervortreten lässt- und damit auch die Unterschiede. „Wenn man jeden nach seinen Möglichkeiten optimal fördert, dann reduziert das nicht die Leistungsdifferenzen, wie viele Leute gemeinhin annehmen, es maximiert sie. Wer besonders begabt ist, hat auch mehr Entwicklungspotenzial.
Begabungsgerechte Förderung heißt Auslese, ohne Auslese, ohne die kommt nicht einmal die Gesamtschule aus, die ihre Schüler auf verschiedene, ans Leistungsniveau angepasste Kurse verteilt. Jede Selektion birgt die Gefahr der Fehleinschätzung: Talent wird nicht erkannt und entsprechend falsch eingestuft. Oder es wird überschätzt.
Eine Ökonomie der Bildung ist bis heute verpönnt, dabei wäre es an der Zeit, über Nutzen und Kosten nachzudenken. Auch die Schule kann einen Euro nur einmal ausgeben. Man kann der Frage, wo Investitionen am sinnvollsten wären, ausweichen, indem man einfach behauptet, Geld sei in Bildung immer gut investiert. Es ist eine bequeme Antwort, aber sie stimmt nicht. Rentner studieren zu lassen, ist zum Beispiel gesellschaftpolitisch ein schöner Zug und passt auch zum Grundsatz vom lebenslangen Lernen, hat nur bildungsökonomisch überhaupt keinen Sinn. Die Bildungsrendite eines Sechzigjährigen geht für die Allgemeinheit, die sein Studium bezahlt, gegen null.
Solche Betrachtungen gelten als unfein, dabei ist in jedem Haushaltsgesetz verankert, dass der Staat bei
allen wesentlichen Investitionen eine Kosten Nutzen Abwägung vornimmt. Auf Rechenschaft über die
Verwendung von Steuergeldern zu verzichten, ist ein luxurierender Standpunkt. Er wird gewöhnlich von Leuten vertreten, die nicht so genau rechnen müssen, oder die etwas zu verlieren hätten, wenn
man es plötzlich täte.